Finissage; Samstag, 21. September 2024, 14 bis 16 Uhr
Ein Windstoss
Wind ist Luft in Bewegung. Eine plötzliche, heftige Luftbewegung von kurzer Dauer wird als Windstoss bezeichnet, und obwohl dieser schnell vergeht und nicht sichtbar ist, hinterlässt er Spuren; Gegenstände werden verschoben, andere stapeln sich in einer Ecke – es entsteht eine neue Anordnung. Dinge, die normalerweise nicht zu sehen sind, werden auf einmal präsent. Die seltene Gabe, sichtbar zu machen, was normalerweise unbemerkt bleibt, teilen die Künstler Aldo Mozzini, Lorenz Bachofner Boskovic und Vincent Scarth. In dem sie genau hinschauen auf Alltagssituationen, auf kleine Details oder auf weggeworfene Materialien, gelingt es ihnen jeweils, die Realität herunterzubrechen und aufzuschlüsseln, um sie anschliessend völlig neu zusammenzusetzen.
Wenn, wie man sagt, kein Mensch eine Insel für sich allein ist, dann existiert auch kein Künstler ausserhalb der Kunstgeschichte. In diesem Sinne haben Mozzini und Boskovic-Scarth auch mit der Schaffung ihrer eigenen ästhetischen Sprache eine Vielzahl von Einflüssen aufgenommen und verdaut. So wird man beim Betrachten von Mozzinis Werk an bestimmte Assemblagen von Kurt Schwitters, an die Arte Povera oder auch an Arbeiten des Duos Fischli-Weiss erinnert. Dasselbe gilt für Boskovic-Scarth, deren Kompositionen an die fotografischen Arbeiten von Jeff Wall erinnern und die ähnlich wie Andrew Cranston an ihre Malerei herangehen. Ins Auge sticht auch, dass ihre Werke «völlig lebendig» wirken, um Robert Motherwell zu zitieren, «nur ein lebendiger Mensch kann sich lebendig ausdrücken». Nur ein «lebendiger Mensch» könne verstehen, dass ein Werk ein Gespräch zwischen dem Künstler und seinem Material, zwischen seiner eigenen Sensibilität und der der Künstler sei, die vor ihm kamen.
Boskovic-Scarth und Mozzini sind Meister ihres Fachs, aber statt nach kalkulierter Perfektion ihrer Technik zu streben, ziehen sie es vor, sich auf den Prozess zu konzentrieren und die Unvollkommenheit, die dazugehört, zu akzeptieren. Dass sie sich für das «Ungeschliffene» entscheiden, mag manche irritieren, andere sind genau davon fasziniert. Ihre Arbeit setzt den Fokus auf «das Menschliche». Durch Risse und Lücken kommen Humor und Verletzlichkeit zum Vorschein.
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Aldo Mozzinis Werk befindet sich in ständiger Wandlung. Er fügt gefundene Materialien zu Kompositionen zusammen und nimmt sie nach einer Ausstellung wieder auseinander, um sie erneut zusammenzufügen. Fast alles lässt sich neu zusammensetzen oder wiederverwenden. Selbst die Rückseite einer Stahlplatte seiner jüngsten Monotypie-Serie, für die er unzählige Stunden damit verbracht hat, mit einer Drucktechnik zu experimentieren, bei der er schliesslich einen Pick-up anstelle einer Druckpresse eingesetzt hat.
Mozzini bevorzugt einfaches und unauffälliges Material wie Holzstücke oder Lappen, mit denen überschüssige Tinte weggewischt wurde. Dieses Material nutzt er wie Bauklötze, aus denen er endlose Kompositionen erstellt. Sie sind im Laufe der Jahre zu einem wesentlichen Bestandteil seiner ästhetischen Sprache geworden. Seine Objekte/Figuren beziehen sich oft auf urbane Situationen oder Architektur und sind gleichzeitig Arrangement, Enthüllung, Poesie und Kommentar zu ihrer eigenen Materialität. Ihre Flüchtigkeit ist eine Charakteristik der Arbeiten. Seine Werke sind wahrnehmbar, aber nicht greifbar, als ob sie in dem Moment, in dem man versucht, sie zu benennen, verschwinden. Vielleicht ist das der Grund, warum der Künstler seine Werke zerlegt. Er spürt, dass die Essenz flüchtig ist und nicht festgehalten werden kann.
Schichten übermalen
In Boskovic-Scarths Arbeiten vermischen sich zwei Malstile und verschmelzen so auf einer einzigen Leinwand. Wessen Pinsel was gemalt hat, ist dabei irrelevant, wichtig ist, dass jedes Werk das Ergebnis langer Gespräche zwischen den Künstlern ist. Sie entstehen aus einem Vertrauen heraus, das sich über Jahre der engen Zusammenarbeit entwickelt hat. Gemeinsam verwandeln Boskovic-Scarth unspektakuläre Alltagsmomente in Geschichten. In ihren Bildern wird die reale Welt mit Fantasie durchdrungen, um völlig neue Kontexte zu schaffen. Dafür vermischen sie Referenzen, überfrachten sie oft auch. Ob sie sich nun auf Bilder in ihren Handys beziehen, auf Kunst- und Biologiebücher oder auf Naturbeobachtungen, alles findet seinen Platz auf ihrer Leinwand.
Der Konsens heisst, loslassen. Von individueller Urheberschaft, von vorgefassten Meinungen, von der Angst vor Übermalung. Der andere wird unweigerlich fortsetzen, was der Erste begonnen hat. Gestische Pinselstriche und ein gelegentlicher Farbtropf markieren die Trennung zur Realität und bringen sie gleichzeitig in das Werk, denn Acryl trocknet schnell und ist leicht zu übermalen.
Ein Wechsel der Perspektive
Wenn Mozzini und Boskovic-Scarth über ihre Arbeit sprechen, fallen Begriffe wie «Perspektivenwechsel» oder «neue Kontexte schaffen». Sie mögen es, wenn ihr Werk das Publikum dazu zwingt, den Ausstellungsraum auf andere Weise zu betrachten. So, als ob ein Windstoss durch das Fenster das Werk an ungewöhnlicher Stelle neu anordnet.
Die drei Kunstschaffenden lernten sich vor Jahren an der ZHdK kennen. Aldo Mozzini war Dozent, Boskovic-Scarth seine Studenten. „Ein Windstoss“ markiert nun ein neues Kapitel ihrer Zusammenarbeit. Hierarchien sind aufgehoben und es entstehen neue Beziehungen zwischen ihren Werken.
Adriana Domínguez Juli 2024
(Übersetzung des englischen Originaltextes)
Adriana Domínguez ist Kunsthistorikerin und unabhängige Kuratorin. Im Jahr 2017 gründete sie den Off-Space la_cápsula, der sich auf den Austausch zwischen der Kunstproduktion der Schweiz und Lateinamerikas konzentriert. Seit 2023 unterrichtet sie am MA Curatorial Studies der ZHdK.
Finissage; Samstag, 21. September 2024, 14 bis 16 Uhr









