VERNISSAGE:
SAMSTAG, 17. OKTOBER 2026, 15 BIS 17 UHR
RÄUME ZWISCHEN DEN SCHICHTEN
Carlo Domeniconi ist primär Maler. Seine künstlerische Arbeit ist der Schichtenmalerei verpflichtet, einer klassischen Maltechnik, bei der ein Bild nicht in einem einzigen Arbeitsgang entsteht, sondern sich aus mehreren aufeinanderfolgenden, sorgfältig durchgetrockneten Farbschichten entwickelt. Jede neue Schicht verändert, überlagert oder verfeinert das darunterliegende Motiv. Auf diese Weise entsteht ein vielschichtiger Bildraum, in dem die einzelnen Arbeitsschritte, als Spuren im Bild gegenwärtig bleiben.
Es ist dem Künstler dabei besonders wichtig, dass das Malerische selbst sichtbar und erfahrbar wird. Die Pinselführung, das Spiel mit Licht und Schatten, die Erzeugung von Tiefenwirkung sowie die feinen Abstufungen und Nuancen der Farben sind wesentliche Bestandteile seiner Bildsprache. Die Malerei verbirgt ihren Entstehungsprozess nicht, sondern macht ihn zu einem eigenständigen Ausdrucksmittel. Auch die formale Sprache seiner Bilder ist vielfältig. Während manche Arbeiten von Vertikalen und Horizontalen bestimmt werden und dadurch eine eher architektonische oder konstruktive Wirkung entfalten, verzichten andere weitgehend auf gerade Linien. Dort begegnen uns runde, schlangenförmige und kurvige Linien, die den Bildraum in Bewegung versetzen. So entsteht ein spannungsreiches Wechselspiel zwischen Ordnung und Dynamik, Konstruktion und Auflösung, Begrenzung und Öffnung.
Carlo Domeniconi ist kein Künstler der Konzeptkunst. Seine Bilder sind expressiv und gehen von der sinnlichen Erfahrung der Malerei aus. Sie spiegeln einen inneren Zustand oder vermitteln eine bestimmte Atmosphäre. In anderen Fällen sind sie die künstlerische Interpretation eines Themas, das den Maler beschäftigt und über die konkrete Darstellung hinausweist. Dies zeigt sich beispielsweise in zahlreichen kleinformatigen Schwarz-Weiss-Arbeiten, in denen Stadtlandschaften erahnbar sind. Andere Werke widmen sich der Darstellung von Köpfen. Diese Köpfe sind nicht naturalistisch ausgearbeitet, sondern aus geometrischen Formen, Volumen sowie hellen und dunklen Bereichen aufgebaut. Das spannungsvolle Zusammenspiel von Hell/Dunkelschattierungen, verleiht ihnen Plastizität und zugleich eine gewisse Rätselhaftigkeit.
Manchen Arbeiten liegt auch eine gesellschaftliche und politische Reflexion zugrunde. Als 1989 die Berliner Mauer fiel, schienen sich Grenzen zu öffnen. Es entstanden neue Durchblicke, neue Verbindungen und unerwartete Möglichkeiten. Die Welt schien für einen Moment durchlässiger geworden zu sein. Doch was ist von diesem Versprechen geblieben? Heute scheint es, als würden erneut Mauern entstehen, und zwar nicht nur als reale bauliche Grenzen, sondern auch in den Köpfen der Menschen. Grenzen werden wieder gezogen, Räume abgeschottet, Sichtweisen verhärtet und Möglichkeiten eingeschränkt.
Vor diesem Hintergrund lassen sich Carlo Domeniconis Bilder als eine Art malerisches Manifest gegen Mauern und Verbarikadierungen lesen. Sie richten sich gegen alles, was trennt, abschottet und den freien Blick verhindert. Auch die zunehmende Versiegelung des öffentlichen Raumes, die Verbauung von Landschaften und Städten und die damit verbundene Einschränkung von Offenheit und Bewegungsfreiheit können in diesem Zusammenhang mitgedacht werden. Carlo Domeniconis Malerei setzt der Verengung eine Vorstellung von Raum entgegen, der sich öffnet, der Durchblicke ermöglicht und in dem Grenzen nicht endgültig gesetzt sind. Seine Schichten, Überlagerungen, Linien und Farbnuancen erzeugen keine statischen Grenzen, sondern lassen Zwischenräume entstehen. Gerade darin liegt eine besondere Qualität seiner Kunst: Sie macht sichtbar, was sich unter, hinter und jenseits der Oberfläche befindet. Sie hält den Blick offen für das, was noch kommen könnte.
Kathrin Frauenfelder
Dr. phil., Kunsthistorikerin
Zürich, im August 2026
Ausstellungsrundgang mit Carlo Domeniconi:
Samstag, 24. Oktober 2026, 14 Uhr
Finissage:
Samstag, 7. November, 14 – 16 Uhr








